„Dyskalkulie“ – ein Begriff, der mehr verdeckt als erklärt
Für viele Eltern ist das Wort zunächst eine Erleichterung: Das Problem hat einen Namen. Trotzdem führt der Begriff in die Irre – und den meisten Kindern kann geholfen werden.
Mehrere Kinder in jeder Klasse
Die Zahlen hängen davon ab, welcher Test verwendet und wo die Grenze gezogen wird (Gaidoschik et al. 2021). Bei rund drei Millionen Grundschulkindern geht es in jedem Fall um sehr viele.
Eine Grenze auf einer Testskala
Medizinisch gilt die Rechenstörung als Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten. Kernstück der Diagnose ist ein normierter Rechentest: Liegt die Leistung in der Regel bei einem Prozentrang von höchstens 7, kann eine Rechenstörung diagnostiziert werden (S3-Leitlinie, DGKJP 2018).
Die Diagnose kann für Familien wichtig sein. Sie öffnet in manchen Bundesländern den Weg zu Nachteilsausgleich oder zu Leistungen der Jugendhilfe. Diese praktischen Folgen sollte man nicht kleinreden.
Warum der Begriff trotzdem in die Irre führt
- Das Problem wird beim Kind abgeladen. Wenn eine „Störung“ vorliegt, scheinen Eltern und Schule wenig ausrichten zu können.
- Es entsteht der Eindruck eines einheitlichen Störungsbildes. In Wirklichkeit sind die Schwierigkeiten von Kind zu Kind sehr verschieden.
- Die Grenze ist willkürlich. Ob ein Kind mit Prozentrang 7 „Dyskalkulie hat“ und eines mit Prozentrang 9 nicht, entscheidet eine statistische Festlegung.
„Besondere Schwierigkeiten beim Mathematiklernen“
Führende Mathematikdidaktikerinnen und -didaktiker haben 2021 in einem gemeinsamen Positionspapier bewusst auf die Begriffe Rechenschwäche, Rechenstörung und Dyskalkulie verzichtet. Die Schwierigkeiten seien fachspezifisch, mit einer individuellen Lerngeschichte verbunden und sehr unterschiedlich ausgeprägt (Gaidoschik et al. 2021).
Auf dieser Website ist deshalb meist von Rechenschwierigkeiten die Rede – ohne medizinischen Unterton.
Nicht das Kind ist das Problem. Sein Verständnis von Zahlen hat am Anfang nicht den nötigen Aufbau bekommen – und dieser Aufbau lässt sich nachholen.
Förderung muss an der Mathematik ansetzen
Hier sind sich Medizin und Mathematikdidaktik einig: Förderung soll an den mathematischen Problemschwerpunkten des Kindes ansetzen. Solche Maßnahmen zeigen deutliche Wirkung (DGKJP 2018).
Das wirkt
- Zahlverständnis und Mengenvorstellung aufbauen
- Zahlzerlegungen und Operationsverständnis sichern
- Das Stellenwertsystem verstehen
- Die Ablösung vom zählenden Rechnen als vorrangiges Ziel
- Erst verstehen, dann automatisieren
Vorsicht, grauer Nachhilfemarkt
Gegen oft teure Bezahlung werden Dinge angeboten, die am eigentlichen Problem vorbeigehen:
- „Lerntypbestimmung“
- Koordinations- und Wahrnehmungstrainings
- Konzentrationstrainings und Entspannungstechniken
- Kinesiologische Übungen
- Mehr vom Gleichen, Regeln ohne Verständnis
Fragen Sie bei jedem Angebot: Arbeitet es mit Zahlen, Mengen und Rechenwegen – oder mit etwas anderem?
Niemand hält ein Kind für „gestört“, weil es später läuft
In den ersten sechs Lebensjahren lernen Kinder Laufen, Sprechen und Fahrradfahren – jedes in seinem Tempo. In der Schule dagegen gibt der Lehrplan das Tempo vor. Wer nicht folgen kann, gerät ins Hintertreffen.
Hätten Kinder mit Rechenschwierigkeiten die nötige Zeit und eine gute Lernbegleitung, würden sehr viel mehr von ihnen ihre Probleme hinter sich lassen.